Leuchtendes Leipzig
Subjektive Betrachtung zu einer coolen Sau –
Leipzig stand kurz davor, zur interstellaren Hauptstadt des Universums gekürt zu werden. Medien rund um den Globus ergossen sich in Lobeshymnen, bezeichneten die „Metropole der Lässigkeit“ (Neue Zürcher Zeitung) als das „neue Berlin“ (New York Times). Die „kleine coole Schwester der Bundeshauptstadt“ (Travelbook) sei die „auffälligste unter Deutschlands Großstädten“ (Die Welt). Der Euphemismus aller Euphemismen wurde geboren: „Hypezig“. Zum Glück stellte ein multiplanetarischer Rat fest, dass der interkontinentale Airport vorzugsweise gelbe Pappschachteln befördert, und gab der größeren Schwester von Leipzig den Vorrang: New York, die Nr. 1 der Galaxie. Letztlich ein Segen für die Halbmillionenstadt in Sachsen. Leipzig konnte einfach bleiben, was es ist, und werden, was es wollte.
Nein, Leipzig ist keine Metropole, auch keine Sachsenmetropole, nur weil Journalisten darauf immer kommen, wenn sie Synonyme googeln. Leipzig ist mit 556.017 Einwohnern logischerweise zu klein für eine Weltstadt, auch wenn ein Bevölkerungswachstum von zehn Prozent in den nächsten Jahren und der Sprung über die 600.000-Schallmauer bereits 2023 erwartet werden. Noch immer findet fast jeder zehnte Bürger keine Arbeit und der Nachwuchs keinen Kitaplatz. Wien lächelt müde, wenn es um die Musikhauptstadt Europas geht, Paris fragt sich noch heute, wie jemand darauf kommt, das größte Gründerzeitareal ausgerechnet im Waldstraßenviertel zu verorten, und eine italienische Lagunenstadt hat im Rotweinsuff den Titel „mehr Brücken als Venedig“ an die Pleiße verkauft. Nein, Leipzig ist keine Metropole und frei nach Klaus Wowereit ist das auch gut so. „Die Stimmung in der Stadt ist viel besser als die Lage“, erklärt Wissenschaftler Dieter Rink im „Manager Magazin“ und markiert damit Leipziger Wesenszüge.
Freiheit als Nukleus
Selbstbewusst Zukunft gestalten, mutig machen statt quatschen, den Willen zu Aufbruch und Veränderung leben – all das basierend auf dem Fundament von stolzem Bürgertum, revolutionärer Historie und lebendiger Freiheit. Nie satt und zufrieden, nie grau und mittelmäßig. Lieber mal laut auf die Pauke hauen oder waren Sie schon mal in Hannover? Selbst Größenwahn wie die Bewerbung um die Olympischen Spiele 2012 oder die kürzeste U-Bahn des Sonnensystems avancieren zu Sympathie-Faktoren. In der Bewegung liegt die Kraft und Leipzig ist immer in Bewegung, traut sich etwas. „Leipzig ist nicht reich. Aber die Stadt erlaubt den Menschen, das zu tun, was sie wirklich wollen. Leipzig ist voller Versprechen“, schrieb „Der Spiegel“ bereits im Dezember 2012. Diese Freiheit ist das Herz in der Stadt der Möglichkeiten. Doch woher kommt dieses Leipziger Phänomen, diese pulsierende Dynamik, die vor gut 20 Jahren mit dem ersten Stadtmarketingslogan „Leipzig kommt“ manifestiert wurde? Insbesondere durch die Messen galten die Leipziger schon zu DDR-Zeiten als offener, internationaler, insgesamt vorwärtsgewandter. 1989 schrieben sich die Menschen in die Geschichtsbücher dieser Welt, brachten das SED-Regime gewaltlos zu Fall und legten mit der Friedlichen Revolution den Grundstein für ein vereinigtes Deutschland. Die Kraft „von unten“ war immer schon stark in Leipzig. „Sie ist nicht wie andere Städte als Residenzstadt gefördert worden. Sie hat ihre eigene zivile Bürgerschaft gehabt, vor allem auf den Gebieten Bildung, Buch, Musik, Handel und Kunst. Das zeigt die große eigene Kraft der Bürgerstadt Leipzig, für die ich keine Parallele kenne“, sagte Richard von Weizsäcker im September 2013 in der „Bild“. Summa summarum ein hervorragender Humus für eine „Second City“, die in der ersten Reihe stehen will. Eine Vielzahl weiterer Argumente untermauern den vielfältigen Reichtum der Heldenstadt: Bach, Mendelssohn, Goethe, Schiller, erste Tageszeitung und erste Messe der Welt, größter Kopfbahnhof, größte Tropenwelt, größter Wolkensimulator, größter städtischer Auenwald, größtes Lesefest Europas – selbst der Schrebergarten wurde hier erfunden und Leipzig jubiliert über die höchste Balkondichte Deutschlands. Mit 1.779,9 Stunden scheint die Sonne im Jahr 6.000 Minuten länger als in München.
Unfertig und kontrastreich
Leipzig ist schon eine coole Sau. Mit einem offensichtlichen Reiz, der auch in den nächsten Jahren nicht wegsaniert und durchgestylt werden kann: Unfertigkeit und Kontrast. „Rotzigen Charme“ nennen das überregionale Leitmedien. Die Stadt bewegt sich zwischen dem sternenhaft leuchtenden „Falco“ und verranzten Kneipen in der Südvorstadt, die nicht mal durch ein Schild erkennbar sind. Zwischen schicken Penthouse-Wohnungen im Bachviertel und zerrissenen Industriebrachen in Plagwitz. Zwischen Hochkultur und Szene, Kommerz und Lebensart. Überall gibt es noch Freiräume. Platz für Entfaltung. Nischen für Versuche. Erstens sind diese in einer Stadt wie Leipzig überhaupt noch vorhanden und zweitens auch bezahlbar. Gleiches gilt im Übrigen für die nahezu paradiesische Wohnungssituation mit Durchschnittsmieten von rund 6,27 Euro. Wie wir wissen: fast alle mit Balkon, aber bitteschön am parkettgedeckten Stuck-Wohnzimmer nach Südwesten … Wichtige Faktoren für eine sogenannte Schwarmstadt, die junge Leute, Kreative, Unternehmensgründer und leider auch ein paar Hipster anzieht, die jetzt „Yuccies“ (Young Urban Creatives) heißen. Aus all den Gegensätzen der verschiedenen Typen von Menschen, Merkmalen und Möglichkeiten entwickelt sich eine positive Spannung, die Leipzig ausmacht. „Die Stadt bietet ein Lebensgefühl“, schreibt „Die Zeit“. Nein, Leipzig ist keine Metropole, muss sie auch nicht sein. Sie ist nicht besser als Berlin, sie ist auch nicht „Klein-Paris“. Leipzig ist Leipzig. Die Stadt der Möglichkeiten, mit Freiheit im Herzen.
Autor: Marko Mädge



